Kindheit (1987) – Eine Kindheit zwischen Krieg, Dorfleben und Fantasie
Land: DDR • Jahr: 1987 • Produktion: DEFA
Kindheit ist ein Spielfilm der DEFA von Siegfried Kühn aus dem Jahr 1987. Schon zu Beginn verbindet der Film autobiografische Erinnerungen des Regisseurs mit poetischen und teilweise surrealen Bildern einer Kindheit im Zweiten Weltkrieg. So entsteht eine dichte und sehr persönliche Atmosphäre, die den gesamten Film prägt.
Handlung
Ein Jahr vor Kriegsende lebt Alfons bei seinen Großeltern auf einem kleinen Bauernhof in Schlesien. Während seine Mutter in Berlin arbeitet, bleibt der Junge auf dem Land zurück. Dadurch verbringt er seine Tage zwischen Sägemühle, Dorfkirche und harter Feldarbeit. Trotz dieser scheinbar geordneten Umgebung spürt er ständig Unruhe und Angst.
Später fährt Alfons mit seinem Großvater in die Stadt, um ein Sofa abzuholen. Auf dem Rückweg reizt der Junge das Pferd so lange, bis es durchgeht. Schließlich kippt der Wagen um und der Großvater verletzt sich schwer. Von diesem Moment an verändert sich das Familienleben deutlich, denn der Großvater ist ans Bett gebunden.
In der Folge darf der polnische Zwangsarbeiter nun mit am Tisch sitzen. Allerdings lehnt der Großvater das entschieden ab und versucht, den Mann zu vertreiben. Dabei stürzt er und stirbt kurze Zeit später. Aus diesem Grund fühlt sich Alfons schuldig am Tod seines Großvaters.
Mit der Zeit flüchtet sich der Junge immer häufiger in Fantasiewelten und religiöse Vorstellungen. Gleichzeitig verehrt er seine Großmutter beinahe wie eine Heilige. Während einer Messe sieht er sich sogar selbst als Jesuskind auf dem Schoß der Jungfrau Maria. Dadurch verschwimmen für ihn Realität und Glaube zunehmend.
Wenig später bringt ein Wanderzirkus neues Leben ins Dorf. Dort verliebt sich die Großmutter in den italienischen Direktor Nardini. Für die Nationalsozialisten gelten die Zirkusleute jedoch als unerwünscht und gefährlich, weshalb sie misstrauisch beobachtet werden.
Als schließlich Nardinis Aufenthaltsort bekannt wird, gerät er in große Gefahr. Aus Sorge um ihn warnt Alfons seine Großmutter rechtzeitig, sodass Nardini fliehen kann. Kurz darauf rückt die Front immer näher und die Lage im Dorf spitzt sich zu. Daraufhin verlässt die Großmutter gemeinsam mit Alfons und Nardini den Hof und zieht nach Westen.
Produktion
„Kindheit“ entstand im DEFA-Studio für Spielfilme innerhalb der Künstlerischen Arbeitsgruppe „Babelsberg“. Gedreht wurde der Film in Orwo-Color. Seine Uraufführung feierte das Werk am 25. August 1987 in den Berliner Kinos International und Babylon, also in zwei der bekanntesten Kinos der DDR.
Darüber hinaus enthält der Film deutlich autobiografische Züge von Regisseur Siegfried Kühn. Er widmete das Werk seiner Großmutter, die eine zentrale Rolle in seinen Erinnerungen spielt. Besonders auffällig bleibt die Verbindung aus realistischen Kindheitserinnerungen und poetisch-traumhaften Sequenzen. Dadurch erhält der Film einen unverwechselbaren Stil, der sich von vielen anderen DEFA-Produktionen abhebt.
Später fand der Film auch seinen Weg ins Fernsehen. Die Fernseherstausstrahlung erfolgte am 20. Mai 1990 im ersten Programm des DFF. Anschließend lief Kindheit am 13. April 1992 auch in der ARD und erreichte damit ein gesamtdeutsches Publikum.
Kritiken
Die Reaktionen auf den Film fielen sehr unterschiedlich aus. Einerseits lobte Günter Sobe in der Berliner Zeitung die Grundidee und die besondere Perspektive des Kindes. Andererseits kritisierte er die aus seiner Sicht zu schwache Verbindung zwischen Realität und Fantasie. Eine stärkere Verschmelzung hätte dem Werk seiner Meinung nach noch mehr poetische Kraft verliehen.
Im Gegensatz dazu äußerte sich Georg Antosch in der Zeitung Neue Zeit deutlich zurückhaltender. Seiner Ansicht nach sei der Film für viele Zuschauer schwer zugänglich. Vor allem die sehr persönlichen Erinnerungen des Regisseurs würden nur wenige allgemein nachvollziehbare Anknüpfungspunkte bieten, sodass manche Zuschauer auf Distanz bleiben.
Deutlich positiver urteilte hingegen das Lexikon des internationalen Films. Dort wurde Kindheit als skurrile und zugleich warmherzige Dorfgeschichte beschrieben. Besonders hervorgehoben wurde außerdem Carmen-Maja Antoni, die als selbstbewusste Großmutter einen bleibenden Eindruck hinterließ und dem Film viel emotionale Tiefe verleiht.
Auszeichnungen
- 1987: Staatliches Prädikat der DDR für Spielfilme „Wertvoll“
- 1987: Kritikerpreis „Die große Klappe“ für den besten Film
- 1987: Kritikerpreis „Die große Klappe“ für die beste Darstellerin an Carmen-Maja Antoni
- 1988: Preis als bester Nebendarsteller für Hermann Beyer beim 5. Nationalen Spielfilmfestival der DDR
- 1988: Preis für die beste weibliche Hauptrolle an Carmen-Maja Antoni
Mein Fazit
„Kindheit“ ist weit mehr als ein gewöhnlicher Kriegsfilm. Stattdessen erzählt das Werk von Schuldgefühlen, Erinnerungen und dem schwierigen Erwachsenwerden in einer von Entbehrungen geprägten Zeit. Gerade durch die kindliche Perspektive wirken viele Szenen besonders intensiv und emotional, weil große Geschichte immer durch kleine Momente sichtbar wird.
Hinzu kommt die Mischung aus realistischer Dorfgeschichte und poetisch-traumhaften Fantasiebildern. Dadurch entsteht eine Atmosphäre zwischen Märchenwelt, nostalgischer Erinnerung und historischem Drama. Genau diese Verbindung macht den Film bis heute so besonders und zeitlos.
Besonders beeindruckend ist außerdem Carmen-Maja Antoni als Großmutter. Ihre Figur wirkt streng, warmherzig und gleichzeitig verletzlich. Zusammen mit den ruhigen, oft nachdenklichen Bildern entsteht dadurch ein spätes DEFA-Werk, das lange nachwirkt und zum Nachdenken über Kindheit im Krieg anregt.
Weiterführende Links:
Der Film Kindheit (1987)
Kindheit - Spielfilm (ganzer Film auf Deutsch) - DEFA
Weitere Infos zum Film findet ihr in der Filmdatenbank der DEFA-Stiftung:
https://www.defa-stiftung.de/filme/filme-suchen/kindheit/
Regie: Siegfried Kühn, 87 Min., Farbe, Spielfilm
Deutsche Demokratische Republik (DDR)
DEFA-Studio für Spielfilme, 1986
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