Mädchen (Las niñas, 2020) – Pilar Palomeros einfühlsamer Coming-of-Age-Film
Mädchen (Originaltitel: Las niñas, international auch Schoolgirls) ist ein spanischer Coming-of-Age-Film von Pilar Palomero, die auch das Drehbuch schrieb. Die Geschichte spielt 1992 in Saragossa und erzählt aus der Perspektive der elfjährigen Celia vom Erwachsenwerden zwischen katholischer Erziehung, familiären Geheimnissen und dem Wunsch, den eigenen Weg zu finden.
Celia lebt mit ihrer Mutter in bescheidenen Verhältnissen und besucht eine von Nonnen geleitete Mädchenschule. Als die selbstbewusstere Brisa neu in ihre Klasse kommt, beginnt Celia, vertraute Regeln und Überzeugungen zu hinterfragen. Die Freundschaft verändert nach und nach auch das Verhältnis zu ihrer Mutter.

🎬 Steckbrief: Mädchen (Las niñas)
| Deutscher Titel | Mädchen |
|---|---|
| Originaltitel | Las niñas |
| Internationaler Titel | Schoolgirls |
| Erscheinungsjahr | 2020 |
| Produktionsland | Spanien |
| Genre | Coming-of-Age, Drama |
| Regie und Drehbuch | Pilar Palomero |
| Kamera | Daniela Cajías |
| Schnitt | Sofi Escudé |
| Darstellerinnen | Andrea Fandos, Natalia de Molina, Zoé Arnao, Julia Sierra, Francesca Piñón |
| Weltpremiere | 23. Februar 2020, Berlinale – Generation Kplus |
| Kinostart in Spanien | 4. September 2020 |
📖 Die Handlung von Mädchen: Celia zwischen Kindheit und Pubertät
Eine neue Freundin verändert Celias Alltag
Die elfjährige Celia lebt mit ihrer Mutter in Saragossa und besucht eine katholische Mädchenschule. Sie ist eine folgsame Schülerin und versucht, die Erwartungen der Erwachsenen zu erfüllen. Im Musikunterricht bewegt sie zunächst nur die Lippen, weil die Lehrerin ihr nicht zutraut, richtig zu singen. Auch zu Hause ist ihr Alltag von Pflichten und festen Abläufen geprägt.
Mit Brisa kommt eine neue Mitschülerin aus Barcelona in die Klasse. Sie wirkt selbstständiger, interessiert sich für aktuelle Musik und stellt die Autorität der Nonnen offener infrage. Celia ist von ihrer Art fasziniert. Die beiden Mädchen freunden sich an, und Celia beginnt, ihre bisher selbstverständlich akzeptierte Welt mit anderen Augen zu sehen.
Geheimnisse, Gruppendruck und erste Grenzüberschreitungen
Die Mädchen sprechen heimlich über Beziehungen und Sexualität, lesen Jugendzeitschriften und erkunden Themen, die in ihrem Umfeld tabuisiert werden. Gleichzeitig erleben sie, wie schnell Anderssein zu Ausgrenzung führen kann. Brisa hat ihre Eltern verloren, Celia wächst ohne präsenten Vater auf. Beide müssen mit Vorurteilen und den Grenzen umgehen, die Erwachsene ihnen setzen.
Celia möchte Brisas Kleidung und Lebensstil nachahmen, doch ihre Mutter kann ihr die gewünschten Sachen nicht ohne Weiteres kaufen. Die fehlende Offenheit zwischen Mutter und Tochter wird zunehmend spürbar. Als Celia mit älteren Mädchen neue Musik, Schminke und heimliche Ausflüge entdeckt, gerät sie in Konflikt mit der Schule und ihrer Mutter.
Die Suche nach der eigenen Geschichte
Je stärker Celia die Regeln ihrer Umgebung hinterfragt, desto mehr bröckeln die Gewissheiten, auf die sie sich bisher verlassen hat. Sie sucht nach Antworten über ihren Vater und entdeckt schließlich, dass ihre Mutter ihr wichtige Dinge verschwiegen hat. Auch die Autorität der Kirche erscheint ihr nicht länger unantastbar.
Nach einer Reihe von Konflikten und dem Tod ihres Großvaters kommt es zu einer vorsichtigen Annäherung zwischen Celia und ihrer Mutter. In der letzten Szene steht erneut das Singen im Mittelpunkt: Celia bewegt nicht mehr nur die Lippen, sondern findet nach und nach ihre eigene Stimme.
💬 Mädchen: Freundschaft, Familie und gesellschaftliche Erwartungen
Im Zentrum des Films steht der Übergang von der Kindheit zur Pubertät. Celia möchte dazugehören, eigene Entscheidungen treffen und verstehen, wer sie ist. Ihre Freundschaft mit Brisa eröffnet ihr neue Perspektiven, bringt sie aber auch in Konflikt mit den Normen, die ihr bisher Halt gegeben haben.
Ein wichtiges Thema ist das Verhältnis von Mutter und Tochter. Celias Mutter möchte sie schützen, behandelt sie jedoch weiterhin wie ein kleines Kind und findet auf viele ihrer Fragen keine offenen Antworten. Ihre Unsicherheit zeigt, wie schwer es sein kann, mit einer heranwachsenden Tochter über Körper, Sexualität, Religion und Herkunft zu sprechen.
Der Film betrachtet auch das Spanien der frühen 1990er-Jahre: Moderne Einflüsse und gesellschaftliche Öffnung treffen auf traditionelle Vorstellungen von Moral und Familie. Die Olympischen Spiele in Barcelona und die Expo in Sevilla bilden den zeitgeschichtlichen Hintergrund, während Celias Alltag weiterhin von strengen Regeln geprägt ist.
🎥 Inszenierung und Bildsprache: Ein Blick aus Celias Perspektive
Regisseurin Pilar Palomero erzählt zurückhaltend und nah an ihrer Hauptfigur. Statt die Gefühle der Mädchen ständig zu erklären, beobachtet der Film Gesten, Blicke und alltägliche Situationen. Gerade dadurch wird spürbar, wie viel Celia in sich hineinfrisst und wie vorsichtig sie beginnt, sich gegen Erwartungen aufzulehnen.
Die Kameraarbeit von Daniela Cajías unterstützt diesen beobachtenden Stil. Die Schule, die Wohnung und die Straßen von Saragossa wirken konkret und alltäglich. Auch die wiederkehrenden Szenen im Chor erhalten eine symbolische Bedeutung: Zu Beginn hält Celia ihre Stimme zurück, am Ende traut sie sich, hörbar mitzusingen.
🎭 Besetzung von Mädchen (Las niñas)
| Andrea Fandos | Celia |
|---|---|
| Natalia de Molina | Celias Mutter |
| Zoé Arnao | Brisa |
| Julia Sierra | Cris |
| Francesca Piñón | Nebenrolle |
Andrea Fandos trägt den Film mit einer zurückgenommenen, fein abgestuften Darstellung. Sie lässt Celias Neugier, Verunsicherung und wachsenden Widerstand vor allem in kleinen Reaktionen sichtbar werden. Die erwachsenen Figuren bilden dazu ein Umfeld, das zwischen Fürsorge, Scham und strenger Anpassung schwankt.
📚 Hintergrund: Die Entstehung von Mädchen
Las niñas ist das Spielfilmdebüt von Pilar Palomero, die sowohl Regie führte als auch das Drehbuch schrieb. Gedreht wurde 2019 unter anderem in Saragossa in Aragón sowie in Lleida in Katalonien. Da die Handlung 1992 spielt, mussten ausgewählte Drehorte ihr damaliges Aussehen bewahren.
Die Kamera führte Daniela Cajías, den Schnitt übernahm Sofi Escudé. Produziert wurde der Film von Valérie Delpierre und Alex Lafuente. Viele Darstellerinnen stammen aus Aragón; für einige war es die erste Filmrolle.
Palomero hat erklärt, dass die Geschichte auch von ihren eigenen Erfahrungen mit Familie, katholischer Schule und den gesellschaftlichen Erwartungen an Mädchen geprägt ist. Der Film blickt damit nicht nur zurück auf die 1990er-Jahre, sondern fragt auch, wie Erziehung und Umfeld die spätere Generation von Frauen geprägt haben.
📝 Filmkritik zu Mädchen: Feinfühlig, aber bewusst ruhig
Viele Kritiken loben die sensible Darstellung der frühen Pubertät und das genaue Porträt eines konservativen gesellschaftlichen Umfelds. Besonders hervorgehoben werden das Ensemble, die zurückhaltende Inszenierung und die symbolische Entwicklung Celias. Die Atmosphäre der katholischen Mädchenschule vermittelt eindringlich, wie stark Regeln und Erwartungen den Alltag der Schülerinnen bestimmen.
Es gibt auch kritischere Stimmen: Manche Rezensenten empfinden den Film als handlungsarm und bemängeln, dass sich Konflikte und Situationen wiederholen. Das ruhige Erzähltempo kann für Zuschauerinnen und Zuschauer, die eine klar zugespitzte Dramaturgie erwarten, etwas spröde wirken.
Gerade diese Zurückhaltung ist jedoch Teil des Konzepts. Mädchen konzentriert sich auf kleine Veränderungen im Verhalten und Denken seiner Hauptfigur. Wer sich auf diese leise Erzählweise einlässt, entdeckt ein präzises Porträt von Freundschaft, Scham, familiären Geheimnissen und dem Wunsch nach Selbstbestimmung.
🏆 Auszeichnungen und Erfolg
Der Film feierte am 23. Februar 2020 bei der Berlinale in der Sektion Generation Kplus Weltpremiere. Bei den spanischen Goya-Filmpreisen 2021 wurde Las niñas in mehreren Kategorien nominiert und gewann vier Auszeichnungen, darunter den Preis für den besten Film. Pilar Palomero wurde als beste Nachwuchsregisseurin geehrt; Daniela Cajías erhielt den Preis für die beste Kamera.
⭐ Fazit: Lohnt sich Mädchen (Las niñas)?
Mädchen ist ein leises, aufmerksames Drama über das Erwachsenwerden in einem Umfeld, das sich modern gibt und zugleich an überlieferten Moralvorstellungen festhält. Andrea Fandos macht Celias innere Veränderung glaubwürdig, ohne sie übermäßig zu erklären. Besonders eindrucksvoll ist das wiederkehrende Motiv des Singens, das Celias Entwicklung auf einfache und zugleich bewegende Weise zusammenfasst.
Wer ein schnelles Jugenddrama mit vielen Wendungen erwartet, könnte das Tempo als langsam empfinden. Wer dagegen fein beobachtete Figuren, atmosphärisches Kino und Geschichten über Identität und Familie schätzt, findet in Mädchen einen sehenswerten Film.
Ein sensibles und preisgekröntes Coming-of-Age-Drama über Freundschaft, familiäre Geheimnisse und den Mut, die eigene Stimme zu finden. Ruhig erzählt, aber emotional und gesellschaftlich vielschichtig.
▶️ Mädchen – Las niñas auf ARTE
🎬 Film-Tipp
Cemetery Junction (2010): Freundschaft und der Wunsch nach einem anderen Leben
Wenn euch Mädchen (Las niñas) gefallen hat, könnte auch Cemetery Junction interessant sein. Beide Filme erzählen vom Erwachsenwerden und von jungen Menschen, die herausfinden müssen, wie sie leben möchten – auch wenn sich Zeit, Ort und Ton deutlich unterscheiden.
Cemetery Junction ist ein britischer Film aus dem Jahr 2010 mit komödiantischen und dramatischen Elementen. Geschrieben und inszeniert wurde er von Ricky Gervais und Stephen Merchant. Die Geschichte spielt Anfang der 1970er-Jahre in England und begleitet drei Freunde zwischen Freundschaft, Liebe, beruflichen Erwartungen und dem Wunsch nach einem anderen Leben.
👉 Hier geht’s zum Film:
🎬 Film-Credits
- Regie: Pilar Palomero
- Drehbuch: Pilar Palomero
- Kamera: Daniela Cajías
- Schnitt: Sofi Escudé
- Produktion: Valérie Delpierre, Alex Lafuente
- Drehorte: Saragossa, Aragón und Lleida, Katalonien
- Jahr: 2020
🔗 Weiterführende Links und Quellen
Die folgenden Quellen bieten ergänzende Informationen zu Handlung, Besetzung, Produktion und Rezeption von Mädchen (Las niñas).
ℹ️ Redaktioneller Hinweis
Die Angaben zu Handlung, Film, Regie, Drehbuch und Kinostart basieren auf den eingfügten Quellen.