Disco (2019): Glaube, Kontrolle und der Druck zu glänzen
Disco ist ein norwegisches Drama der Autorin und Regisseurin Jorunn Myklebust Syversen aus dem Jahr 2019. Im Mittelpunkt steht die 19-jährige Disco- und Freestyle-Tänzerin Mirjam, deren scheinbar perfektes Leben zwischen Tanzwettbewerben, Familie und evangelikalem Glauben zunehmend aus den Fugen gerät.
Als Mirjam bei einem wichtigen Wettbewerb plötzlich nicht mehr funktioniert, beginnt ihre Familie, ihre Glaubensstärke infrage zu stellen. Statt ihr mehr Freiheit zu geben, wird der religiöse Druck stärker. Mirjam sucht daraufhin nach Antworten – und gerät immer tiefer in eine strengere Glaubenswelt.

Disco (2019): Steckbrief
Worum geht es in Disco?
Mirjam ist 19 Jahre alt und gehört zur Weltspitze im Disco- und Freestyle-Dance. Auf der Bühne wirkt sie selbstbewusst, diszipliniert und erfolgreich. Gleichzeitig ist sie Teil einer evangelikalen Glaubensgemeinschaft, in der Tanz, Musik, religiöse Botschaften und Gemeinschaft eng miteinander verbunden sind.
Ihr Stiefvater Per ist Pastor dieser Gemeinschaft. Mirjam ist für ihn nicht nur ein Familienmitglied, sondern auch eine wichtige Identifikationsfigur der Gemeinde. Ihr tänzerischer Erfolg wird mit ihrer religiösen Identität verbunden – und dadurch entsteht ein enormer Druck.
Als Mirjam bei einem wichtigen Tanzwettbewerb plötzlich scheitert, beginnt ihr bisheriges Selbstbild zu zerbrechen. Ihre Familie reagiert nicht nur mit Sorge, sondern stellt zunehmend ihren Glauben infrage. Für Mirjam wird die Frage immer drängender, warum sie trotz ihres Glaubens leidet und warum sie ihren eigenen Körper und ihre Gefühle nicht mehr unter Kontrolle zu haben scheint.
Statt sich von der religiösen Gemeinschaft zu lösen, sucht Mirjam zunächst noch intensiver nach Antworten innerhalb des Glaubens. Sie wendet sich schließlich einer strengeren Gemeinde zu. Was zunächst wie eine Suche nach Halt wirkt, entwickelt sich zunehmend zu einer Spirale aus Kontrolle, Schuldgefühlen und Selbstaufgabe.
Dabei deutet der Film psychische und soziale Probleme immer wieder aus der Perspektive der jeweiligen Glaubensgemeinschaft. Krankheit, Zweifel, Depressionen oder persönliches Scheitern werden teilweise religiös interpretiert. Die Frage nach professioneller psychologischer Hilfe steht dadurch in einem spannungsreichen Gegensatz zum religiösen Erklärungsmodell.
Mirjam trägt außerdem eine belastende Familiengeschichte mit sich. Die Vergangenheit und die Erfahrungen mit ihrem leiblichen Vater spielen eine wichtige Rolle für ihre Suche nach Sicherheit, Anerkennung und einer Vaterfigur. Der Film verbindet diese persönliche Ebene mit der religiösen Suche nach einem übergeordneten „Vater“.
Je stärker Mirjam versucht, die Erwartungen ihrer Umgebung zu erfüllen, desto deutlicher wird jedoch, dass sie dabei ihre eigene Identität verliert. Der Tanz, der ursprünglich Ausdruck von Freiheit und Selbstbewusstsein war, wird gleichzeitig zum Ort des Scheiterns und der Selbstbehauptung.
Genau darin liegt eine der zentralen Fragen des Films: Kann Mirjam überhaupt ihren eigenen Weg finden, wenn Familie, Religion und Leistungsdenken bestimmen, wer sie sein soll?
„Eine Meistertänzerin gerät ins Wanken – und ihre Familie beginnt, ihren Glauben infrage zu stellen.“
Die offizielle Inhaltsangabe von ARTE beschreibt Mirjams anschließende Suche nach Antworten als eine Entscheidung, die sie in eine deutlich strengere Glaubensgemeinschaft führt.
Die wichtigsten Themen in Disco
Glaube und Kontrolle
Disco stellt nicht einfach die Frage, ob Religion gut oder schlecht ist. Interessanter ist die Frage, was passiert, wenn eine Glaubensgemeinschaft für nahezu jedes persönliche Problem eine religiöse Erklärung bereithält. Für Mirjam wird Glaube dadurch gleichzeitig zu Halt und Belastung.
Leistungsdruck
Mirjams Situation erinnert an die Mechanismen des Leistungssports: Erfolg wird erwartet, Scheitern wird problematisiert und der eigene Körper wird zum Instrument, das funktionieren muss. Der Film verbindet diesen Leistungsdruck mit religiösen Erwartungen.
Familie und Abhängigkeit
Besonders bedrückend ist, dass Mirjam nicht einfach gegen eine anonyme Institution rebelliert. Die Erwartungen kommen von Menschen, die ihr nahestehen und von denen sie gleichzeitig Liebe, Schutz und Anerkennung erwartet.
Trauma und Identität
Hinter Mirjams religiöser Suche liegt eine persönliche Geschichte, die sie selbst nicht vollständig versteht. Der Film verbindet die Suche nach Glauben deshalb mit der Suche nach einer Erklärung für die eigene Vergangenheit.
Tanz als Gegenwelt
Die Tanzszenen sind nicht nur spektakuläre Einlagen. Sie bilden einen Kontrast zur kontrollierten Welt der Gemeinde. Auf der Bühne kann Mirjam ihren Körper ausdrücken – gleichzeitig wird gerade dieser Körper zum Schauplatz ihres Scheiterns und ihrer inneren Krise.
Inszenierung und Bildsprache
Regisseurin Jorunn Myklebust Syversen setzt bewusst auf einen ungewöhnlichen Gegensatz: Auf der einen Seite stehen grelle Tanzwettbewerbe, Popmusik, Bühnenlicht und spektakuläre Choreografien, auf der anderen Seite Gebetsräume, Predigten, religiöse Rituale und familiäre Spannungen.
Dieser visuelle Kontrast ist entscheidend für die Wirkung des Films. Die Tanzwelt sieht zunächst nach Freiheit und Selbstverwirklichung aus, während die religiöse Gemeinschaft Sicherheit und Ordnung verspricht. Im Verlauf des Films verschwimmen diese Gegensätze jedoch zunehmend.
Besonders auffällig ist die Kameraarbeit von Marius Matzow Gulbrandsen. Für seine Arbeit an Disco erhielt er beim Göteborg Film Festival 2020 den Sven Nykvist Cinematography Award.
Kritiken
Disco wurde von der internationalen Kritik unterschiedlich aufgenommen. Gelobt wurden insbesondere die Hauptdarstellerin Josefine Frida Pettersen, die ungewöhnliche Atmosphäre und die konsequente Verbindung von Tanz, Religion und psychischer Belastung.
Rotten Tomatoes führt den Film aktuell mit einem Tomatometer von 67 % bei 12 Kritiken. Der dort dokumentierte Kritikerspiegel zeigt entsprechend ein gemischtes, aber überwiegend positives Bild. :contentReference[oaicite:2]{index=2}
Bei Metacritic erreicht Disco einen Metascore von 56/100, basierend auf sechs ausgewerteten Kritiken – eine Einordnung als „Mixed or Average“. :contentReference[oaicite:3]{index=3}
Auch die Zuschauerbewertung fällt zurückhaltender aus. IMDb weist aktuell eine Bewertung von 5,1 von 10 aus. Damit zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen einzelnen sehr positiven Kritikerstimmen und dem eher verhaltenen Publikumsinteresse. :contentReference[oaicite:4]{index=4}
Was die Kritiker loben
Ein häufiger Pluspunkt ist die Leistung von Josefine Frida Pettersen. Mirjams Unsicherheit wird nicht nur über Dialoge vermittelt, sondern stark über Körpersprache, Tanz und die zunehmende körperliche Anspannung der Figur.
Ebenfalls hervorgehoben wird die visuelle Gestaltung. Der Film stellt glänzende Tanzshows und religiöse Räume gegenüber und erzeugt dadurch eine zunehmend beklemmende Atmosphäre.
Was kritisch gesehen wird
Andere Kritiker empfinden den Film als zu distanziert, rätselhaft oder fragmentarisch. Gerade weil Syversen viele Konflikte eher beobachtet als klassisch auflöst, kann die Handlung für Zuschauer sperrig wirken.
Diese Ambivalenz gehört allerdings auch zum Konzept des Films: Disco erklärt Mirjams Welt nicht vollständig, sondern zwingt das Publikum dazu, ihre Unsicherheit und Orientierungslosigkeit mitzuerleben.
Insgesamt ist Disco deshalb kein klassisches Religionsdrama mit einer eindeutigen Botschaft. Der Film interessiert sich vielmehr für die Frage, wie schwer es für einen jungen Menschen sein kann, zwischen Familie, Glauben, Leistungsdruck und persönlicher Freiheit eine eigene Position zu entwickeln.
Disco (2019): Bewertungen
Die Bewertungen können sich im Laufe der Zeit verändern und sollten daher als Momentaufnahme verstanden werden.
Auszeichnungen und Festivalerfolge
Disco wurde auf mehreren internationalen Festivals präsentiert und erhielt verschiedene Nominierungen und Auszeichnungen.
- Sven Nykvist Cinematography Award 2020 für Marius Matzow Gulbrandsen beim Göteborg Film Festival.
- Nominierung für den Dragon Award – Best Nordic Film beim Göteborg Film Festival.
- Nominierungen bei den norwegischen Amanda Awards 2020, unter anderem für Regie, Hauptdarstellerin und Kamera.
- Nominierung beim San Sebastián International Film Festival für den New Directors Award.
Mein Fazit zu Disco (2019)
Disco ist kein Wohlfühlfilm und auch kein klassisches Tanzdrama. Hinter den spektakulären Bewegungen und der glitzernden Bühnenwelt steckt eine zunehmend beklemmende Geschichte über Kontrolle, Glauben, Familie und die Frage, was passiert, wenn ein junger Mensch versucht, die Erwartungen anderer zu erfüllen.
Besonders interessant ist der Gegensatz zwischen Mirjams scheinbarer Selbstsicherheit auf der Tanzfläche und ihrer zunehmenden Orientierungslosigkeit abseits der Bühne. Tanz ist für sie Ausdruck von Freiheit – gleichzeitig wird auch dieser Bereich von Leistungsdruck und Erwartungen bestimmt.
Der Film verlangt seinem Publikum einiges ab. Die Erzählweise ist ungewöhnlich, teilweise distanziert und bewusst irritierend. Wer eine eindeutige Auflösung oder ein klassisches Drama erwartet, könnte damit Schwierigkeiten haben.
Wer sich dagegen auf die Atmosphäre und die psychologische Ebene einlässt, bekommt ein ungewöhnliches skandinavisches Drama, das Religion nicht nur als Glaubensfrage, sondern auch als System von Zugehörigkeit, Autorität und Kontrolle untersucht.
Urteil: Anspruchsvolles und verstörendes Religions- und Psychodrama mit einer starken Hauptdarstellerin und eindrucksvoller Kameraarbeit. Kein einfacher Film – aber gerade deshalb ein interessanter.
🎬 Film-Tipp: Bravetown (2015)
Wenn dir der Film Disco gefallen hat und du Musik und Tanz magst, solltest du dir Bravetown (2015) ansehen. Beide Filme verbinden die Themen Musik, Tanz und die Suche nach einem neuen Lebensweg.
Das Drama erzählt die Geschichte des jungen DJs Josh Harvest, dessen Leben nach einer Überdosis aus den Fugen gerät. In der Kleinstadt seines entfremdeten Vaters wird er mit seiner eigenen Vergangenheit und den Schicksalen der Menschen um ihn herum konfrontiert.
🎬 Hier geht’s zum Film:
Weiterführende Links
Weitere Informationen, Kritiken, Bewertungen und Hintergrundmaterial zu Disco (2019):
- IMDb – Disco (2019)
- IMDb – Kritiken zu Disco
- IMDb – News & Hintergrund
- Rotten Tomatoes – Disco
- Metacritic – Kritikerbewertungen
- Letterboxd – Zuschauer- und Filmkritiken
- The Hollywood Reporter – Review
- Cinematary – Disco / Toronto International Film Festival
- film.at – Disco
- Filmdienst – Disco (2019)
- Kino-Zeit – Kritik, Trailer und Streaming
- Projected Figures – Disco (2019)
- Eye for Film – Tallinn Black Nights Film Festival
- Göteborg Film Festival – Sven Nykvist Cinematography Award
Disco (2019) online ansehen
Disco ist derzeit bei ARTE als Stream gelistet. ARTE gibt eine Laufzeit von 92 Minuten an und nennt als Verfügbarkeitsdatum den 26. Dezember 2026. Die tatsächliche Abrufbarkeit kann allerdings aufgrund von Länder- und Lizenzrechten variieren.
Verfügbar bis zum 26.12.2026
Hinweis: Wenn der eingebettete Player nicht verfügbar ist, kann der Film direkt über die ARTE-Seite aufgerufen werden.