Berüchtigt (1946): Liebe, Verrat und Uran im Schatten des Krieges
Berüchtigt (Originaltitel: Notorious) ist ein US-amerikanischer Kriminalfilm im Stil des Film noir von Alfred Hitchcock aus dem Jahr 1946, basierend auf einem Originaldrehbuch von Ben Hecht.
Produziert wurde der Film von RKO; in Deutschland lief er 1951 erstmals unter dem Titel Weißes Gift, in einer Fassung, in der aus Nazis Rauschgifthändler gemacht wurden.
Im Zentrum steht eine junge Frau, deren Vater als Verräter verurteilt wurde, ein abgeklärter Geheimagent – und eine gefährliche Nazi-Organisation in Brasilien, deren Pläne sich um Uran und mögliche Bomben drehen. Zwischen Pflicht, Misstrauen und Leidenschaft entsteht eine der komplexesten Liebesgeschichten in Hitchcocks Werk.

Berüchtigt (1946): Steckbrief
Handlung von Berüchtigt
Ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird der Vater der deutschstämmigen Amerikanerin Alicia Huberman wegen Landesverrats zu einer Gefängnisstrafe in einem US-Gefängnis verurteilt. Auf sie wird der Regierungsagent T. R. Devlin angesetzt. Der US-Geheimdienst weiß aus Abhöraktionen, dass sie gegenüber den USA loyal eingestellt ist, aber von der Zusammenarbeit ihres Vaters mit den Nationalsozialisten wusste.
Alicia, die ein Alkoholproblem hat, und Devlin verlieben sich ineinander. „Infolge der Liebesbeziehung hört Alicia sogar auf zu trinken.“ Sie reisen nach Rio de Janeiro, wo der amerikanische Geheimdienst sie bereits erwartet.
Devlins Vorgesetzte wünschen, dass Alicia den Kontakt zu einem früheren Vertrauten ihres Vaters wieder aufnimmt: Alexander Sebastian, der mit zahlreichen Nazis in Brasilien zusammenarbeitet und früher einmal in Alicia verliebt war. Durch deren erneute Annäherung an Sebastian erhofft man sich Aufschluss über die Pläne der Nazi-Organisation.
Devlin hat Skrupel und will Alicia nicht in den Armen eines anderen Mannes sehen, bringt Alicia aber aus Pflichtbewusstsein und Zweifel an den beiderseitigen Gefühlen dazu, die Aufgabe zu übernehmen. Sebastian tappt in die Falle und macht Alicia nach kurzer Zeit einen Heiratsantrag – gegen den Willen seiner dominanten und eifersüchtigen Mutter Anna, die Misstrauen gegen Alicia hegt. Nach Rücksprache mit dem Geheimdienst nimmt Alicia den Antrag an.
Die Organisationsmitglieder, die sich regelmäßig in Sebastians Villa treffen, gehen mit unzuverlässigen Mitgliedern rigoros um: Wer versagt, wird von den anderen liquidiert. Die Atmosphäre ist von Angst, Kontrolle und latenter Gewalt geprägt.
Uran im Weinkeller
Auf einer Party in Sebastians Haus entdecken Alicia und Devlin, dass in einigen Flaschen in Sebastians Weinkeller eine Art dunkles Erz versteckt ist, das sich später als Uranerz herausstellt. Damit erhält die Geschichte eine brisante, atomare Dimension: Die Nazis arbeiten im Hintergrund an Materialien, aus denen man möglicherweise Bomben bauen könnte.
Sebastian und seine Mutter kommen den beiden auf die Schliche. Um sich nicht selbst vor den Mitverschwörern zu kompromittieren, beginnen sie damit, Alicia langsam und unauffällig zu vergiften. Devlin deutet Alicias aufkommende Schwäche zunächst falsch; er nimmt an, dass sie wieder mit dem Trinken begonnen habe. Als sie dann jedoch mehrmals zu verabredeten Treffen nicht erscheint, schöpft er Verdacht.
Rettung unter den Augen der Nazis
In Sebastians Haus findet Devlin Alicia völlig entkräftet vor. „Am Krankenbett gesteht er ihr seine Liebe und befreit sie unter hohem eigenen Risiko und unter den Augen von Sebastian und dessen Nazi-Partnern.“ Devlin droht Sebastian damit, der Bande zu verraten, dass er eine US-amerikanische Geheimagentin geheiratet habe.
Sebastian, der – um das Schlimmste für sich und seine Mutter zu verhindern – nicht eingreifen kann und die beiden aus dem Haus geleitet, wird seinem Schicksal überlassen. Ein Mitglied der Bande ahnt, was wirklich passiert ist – Sebastians Schicksal scheint besiegelt.
Entstehungsgeschichte & Vorlage
Dem Originaldrehbuch von Ben Hecht, für das er 1947 für den Oscar nominiert wurde, lag eine Idee von Hitchcock zugrunde, außerdem Motive einer von Produzent David O. Selznick „ausgegrabenen“ Kurzgeschichte des Journalisten John Taintor Foote mit dem Titel The Song Of The Dragon aus dem Jahr 1912 – eine Art Mata-Hari-Geschichte.
Hitchcock interessierte jedoch vor allem ein Aspekt: Ein Mann zwingt eine Frau, die er liebt, aus Pflichtbewusstsein mit einem anderen Mann ein Verhältnis einzugehen. Diese emotionale Grauzone bildet den Kern von Berüchtigt.
Selznick, bei dem Alfred Hitchcock zu diesem Zeitpunkt unter Vertrag stand, verkaufte die Rechte an dem Film im Paket mit Drehbuchautor Ben Hecht, Regisseur Alfred Hitchcock sowie den Schauspielern Cary Grant und Ingrid Bergman kurz vor Drehbeginn für 800.000 Dollar und 50 % des Gewinns an RKO – um seinen Anteil an Duell in der Sonne (1946), der bereits über Budget und Zeitplan lag, zu finanzieren.
Die Geschichte mit dem Uran
Um Berüchtigt rankt sich eine von Hitchcocks bekanntesten Anekdoten. Er erzählte bis zu seinem Tod immer wieder, er sei bereits 1944 auf die Idee gekommen, als Grund für die Anwesenheit der Deutschen in Brasilien Uran zu verwenden, aus dem man vielleicht Bomben bauen könne.
Co-Drehbuchautor Ben Hecht und Produzent Selznick sollen Bedenken gehabt haben. Hitchcock und Hecht hätten im Mai oder Juni 1945 den Nobelpreisträger Robert Millikan konsultiert, ob man mit Uran eine Bombe bauen könne. Millikan soll eine konkrete Antwort abgelehnt, aber bestätigt haben, dass die Menge Uran in eine Weinflasche passen könne. Diese Begegnung sei laut Hitchcock Auslöser dafür gewesen, dass er während der Dreharbeiten vom FBI beschattet worden sei.
Außer Hitchcocks eigener Erzählung gibt es dafür jedoch keinen Beleg. Biograf Donald Spoto legt in seinem Buch glaubhaft nahe, dass das Uran erst nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima im August 1945 ins Drehbuch aufgenommen wurde. Für Hitchcock war der politische Aspekt ohnehin nebensächlich – im Vordergrund stand für ihn die Beziehung zwischen Devlin/Grant und Huberman/Bergman.
Im Juli 1945 führte Hitchcock in New York Rollenbesetzungsgespräche mit deutschen Emigranten, von denen er wahrscheinlich über geflohene Nazis in Südamerika erfahren hat. Ende September 1945 wurden die Arbeiten am Drehbuch abgeschlossen.
Bereits im Mai 1945 hatte Selznick einen Brief vom FBI erhalten, wonach jeder Film, der einen US-Geheimdienstmitarbeiter zeigte, dem State Department zur Begutachtung vorzulegen wäre – damals eine Routineangelegenheit. Von diesem Brief hatte Hitchcock Kenntnis, was ihn möglicherweise zu der Überwachungsgeschichte inspirierte. In den FBI-Akten findet sich jedoch kein Hinweis auf eine tatsächliche Überwachung Hitchcocks.
Form, Kamera und berühmte Szenen
Der Film enthält die bis dahin längste durchgehende Kamerafahrt, die in einem Spielfilm zu sehen war: Auf der Party bei Alexander Sebastian fährt die Kamera von einer hoch angesetzten Weitwinkelaufnahme des Saales bis zu einer extremen Nahaufnahme des Kellerschlüssels in Alicias Hand. Diese Bewegung verdichtet Suspense und Emotion in einem einzigen visuellen Moment.
Außerdem ist in Berüchtigt die damals längste Kussszene der Filmgeschichte zu sehen. Nach den Richtlinien der Zensoren des Production Code durfte ein Filmkuss nicht länger als drei Sekunden dauern. Hitchcock umging diese Regel, indem er in einer knapp dreiminütigen Sequenz Devlin und Alicia, unterbrochen durch kurze Dialogsätze, sich immer und immer wieder küssen ließ. Den Text überließ er den Darstellern – in der endgültigen Fassung reden sie während des Kusses vom Essen und darüber, wer danach den Abwasch erledigt.
Wie in den meisten seiner Filme hat Hitchcock auch hier einen Cameoauftritt: Er trinkt Champagner auf der Party in Alexander Sebastians Haus.
Anmerkungen
Leopoldine Konstantin, die in Berüchtigt die Mutter von Claude Rains spielte, war im wahren Leben gerade einmal dreieinhalb Jahre älter als dieser – sie war zum Zeitpunkt des Drehs 59, er 56 Jahre alt. Eine vergleichbar kuriose Mutter-Sohn-Besetzung verwendete Hitchcock später in Der unsichtbare Dritte mit Jessie Royce Landis, die nur gut sieben Jahre älter als ihr „Sohn“ Cary Grant war. In Marnie war Marnies Mutter (Louise Latham) acht Jahre älter als Marnie (Tippi Hedren).
Der Kameramann Ted Tetzlaff arbeitete erstmals mit Hitchcock zusammen. Während der Autofahrt zu Beginn des Films gab ihm Hitchcock Anweisungen zur Beleuchtung. Tetzlaff, der es gewohnt war, alleine zu entscheiden, kommentierte dies mit: „Na Papa, wir interessieren uns wohl für Technik?“ Berüchtigt war Tetzlaffs letzter Film als Kameramann; danach wurde er selbst Regisseur.
Deutsche Fassungen
Von dem Film existieren zwei Synchronfassungen, eine von 1951 und eine von 1969. Die erste weicht inhaltlich deutlich von der amerikanischen Originalversion ab und wird in der Filmgeschichte als „eine den Inhalt verfälschende Synchronisationsfassung“ gewertet.
Der Film wurde am 21. September 1951 unter dem Titel Weißes Gift erstmals in Deutschland aufgeführt. Im Text der Synchronisation wurde aus der Uran- eine Rauschgiftgeschichte, und der politische Bezug zu NS-Verbrechen damit getilgt. Mehrere Rollennamen wurden geändert, etwa hieß die Hauptdarstellerin, im Englischen „Alicia Huberman“, nun Elisa Sombrapal, Tochter eines verurteilten Drogenbosses. Die Änderungen geschahen auf Betreiben des US-amerikanischen Verleihs RKO.
Die Kulturwissenschaftlerin Sonja Witte schreibt dazu: „‚Weißes Gift‘ ist ein Beispiel für die 50er-Jahre-Taktik der Verleugnung und Entwirklichung von Geschichte und somit auch für die Verbannung von medialen Repräsentationen deutscher Schuld.“
In der Wiederaufführung am 11. August 1969 (der Film wurde im Auftrag des ZDF als Geburtstagsgeschenk für Hitchcock neu synchronisiert und unter dem Titel Berüchtigt ausgestrahlt) bekamen deutsche Zuschauer die Originalgeschichte zu sehen und zu hören.
Selbst in dieser Version fehlt jedoch jede Spur der I.G. Farben, dem eigentlichen Drahtzieher hinter den Bösewichten. Man ging sogar so weit, eine Einstellung, in der diese namentlich erwähnt wird, aus dem Dialog von Ingrid Bergman und Cary Grant herauszuschneiden. Während man in der damaligen Fernsehfassung diesen Schnitt noch visuell bemerkte, fehlt von dieser Einstellung in heutigen Fassungen (beispielsweise auf der DVD-Version) jede Spur. An einer Stelle fällt jedoch das Wort „deutsche Farbenindustrie“.
🎬 Film-Tipp
Jung und unschuldig (Young and Innocent) – Hitchcock 1937
Jung und unschuldig (Originaltitel: The Girl Was Young) ist ein britischer Kriminalfilm aus dem Jahr 1937 unter der Regie von Alfred Hitchcock. In den Hauptrollen sind Nova Pilbeam und Derrick De Marney zu sehen.
Im Mittelpunkt steht Robert Tisdall, der nach dem Mord an der Schauspielerin Christine Clay zu Unrecht unter Verdacht gerät. Auf der Flucht vor der Polizei versucht er gemeinsam mit Erica Burgoyne, die wahren Hintergründe des Verbrechens aufzudecken und seine Unschuld zu beweisen.
Handlung: Am Strand wird die bekannte Schauspielerin Christine Clay tot aufgefunden. Kurz zuvor hatte sie sich mit ihrem ehemaligen Ehemann Guy gestritten. Der junge Robert Tisdall entdeckt die Leiche und läuft los, um Hilfe zu holen. Dabei wird er jedoch beobachtet und gerät durch die unglücklichen Umstände sofort unter Verdacht.
Für die Polizei scheint die Sache zunächst eindeutig: Robert wurde in der Nähe des Tatortes gesehen und kann seine Unschuld nicht unmittelbar beweisen. Sein Mantel wurde zudem gestohlen und taucht später als wichtiges Indiz auf. Während die Polizei nach ihm sucht, muss Robert alles daransetzen, den wahren Täter zu finden.
Robert gelingt die Flucht. Auf der Suche nach Unterstützung wendet er sich an Erica Burgoyne, die Tochter des örtlichen Polizeichefs. Zunächst ist Erica unsicher und weiß nicht, ob sie dem jungen Mann glauben kann. Schließlich entscheidet sie sich jedoch dafür, ihm zu helfen und gemeinsam mit ihm nach entscheidenden Hinweisen zu suchen.
➡️ Jung und unschuldig (1937) – vollständiger Filmartikel
Mein Fazit zu Berüchtigt (1946)
Berüchtigt gehört zu jenen Hitchcock-Filmen, in denen sich Spannung, Emotion und präzise erzählte Charakterentwicklung zu einem außergewöhnlichen Ganzen verbinden. Cary Grant, Ingrid Bergman und Claude Rains tragen die Geschichte mit einer Intensität, die bis heute nachwirkt.
Was den Film besonders macht, ist die elegante Verflechtung von Liebesgeschichte, Spionagedrama und psychologischem Thriller. Hitchcock interessiert sich weniger für den politischen Rahmen als für die Frage, wie weit Menschen gehen, wenn Pflicht und Gefühl miteinander kollidieren. Das zeigt sich etwa darin, dass Alicia sich aus Liebe verändert – „Infolge der Liebesbeziehung hört Alicia sogar auf zu trinken.“
Auch die moralische Spannung zwischen Devlin und Alicia ist meisterhaft inszeniert. Hitchcock nutzt die Beziehung der beiden als emotionalen Kern, während die Bedrohung durch Sebastian und seine Mitverschwörer stetig zunimmt. Die Szene, in der Devlin Alicia schließlich befreit, fasst diese Dynamik perfekt zusammen: „Am Krankenbett gesteht er ihr seine Liebe und befreit sie unter hohem eigenen Risiko.“
Für Anhänger der sogenannten Autoren-Theorie – der Idee, dass der Autor eines Films dessen eigentlicher kreativer Motor ist – zeigt sich hier besonders deutlich, wie sehr Hitchcock von starken Drehbüchern profitierte. Seine größten Werke waren oft jene, in denen die schriftstellerische Grundlage ebenso präzise und kraftvoll war wie seine Inszenierung.
Fazit: Ein stilvoller, spannender und emotional vielschichtiger Klassiker, der zeigt, wie Hitchcock mit feinem Gespür für Figuren und Atmosphäre einen Thriller erschafft, der weit über sein Genre hinausreicht.
Berüchtigt | 1946 | Koloriert | Ganzer Film | Alfred Hitchcock, Cary Grant, Ingrid Bergman
Weiterführende Links
Weitere Informationen zu Berüchtigt (Notorious, 1946), zur Besetzung, Entstehungsgeschichte, Rezeption und filmhistorischen Einordnung finden sich in den folgenden Datenbanken, Filmlexika und Quellen:
Filmdatenbanken & Filmlexika
- Wikipedia: Berüchtigt – Überblick, Handlung, Besetzung und Hintergrundinformationen
- IMDb: Notorious (1946) – Besetzung, vollständige Crew, Produktionsangaben und weitere Filmdaten
- IMDb: Notorious – vollständige Besetzung & Crew – ausführliche Aufstellung der Mitwirkenden vor und hinter der Kamera
- AFI Catalog: Notorious (1946) – umfangreiche filmhistorische Quelle mit Besetzung, Stab, Produktionsgeschichte, Drehbuchinformationen und zeitgenössischen Quellen
- British Film Institute (BFI): Notorious – filmhistorische Einordnung, Handlung und Angaben zu Regie, Drehbuch und Besetzung
- filmportal.de: Notorious – deutsche filmhistorische Datenbank
- Filmdienst: Berüchtigt – filmkritische Einordnung und Informationen zum Film
- Fernsehserien.de: Berüchtigt – Informationen zur deutschen Ausstrahlung und zu den Fassungen
Rezeption & Bewertungen
- Rotten Tomatoes: Notorious – Kritiker- und Publikumsbewertungen
- Metacritic: Notorious (1946) – Kritiken und aggregierte Bewertungen
Archivierte und historische Quellen
- Filmzentrale (Internet Archive): Berüchtigt – archivierte Filmbesprechung und Hintergrundinformationen
- Library of Congress: Notorious – historischer Katalogeintrag; der Film gehört zum National Film Registry