Rübezahl – der Herr der Berge (1957)
Regie: Erich Kobler · Land: Bundesrepublik Deutschland · Jahr: 1957 · Format: Farbfilm
Mit: Franz Essel (Rübezahl), Otto Mächtlinger, Monika Greving, Bobby Todd, Helmut Lieber
Einordnung & Atmosphäre
Rübezahl – der Herr der Berge ist ein klassischer westdeutscher Nachkriegs-Märchenfilm, der die alten Sagen aus dem Riesengebirge in eine farbige, kindgerechte Kinofassung überführt. Im Zentrum steht der Berggeist Rübezahl, der über „sein“ Gebirge, die Wälder, Tiere und Menschen wacht – und dabei sehr genau hinschaut, wie sich die Menschen benehmen.
Der Film verbindet Volksmärchen, Heimatfilm-Optik und pädagogische Botschaft: Moralische Verfehlungen werden märchenhaft bestraft, Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft dagegen belohnt. Typisch 50er-Jahre, aber mit einem sympathischen, leicht nostalgischen Charme.
Handlung
Rübezahl, der Berggeist des Riesengebirges, hat sich seit 999 Jahren in seine Höhle zurückgezogen. Enttäuscht von der Undankbarkeit und Falschheit der Menschen will er nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Erst als seine Zwerge berichten, dass unten im Tal Unrecht, Gier und Hartherzigkeit überhandnehmen – und die Kinder nicht einmal mehr an ihn glauben –, beschließt Rübezahl, wieder einzugreifen.
Er prüft die Menschen im Tal: Der Glaser Steffen, der seiner Familie ein Schwein verspricht, begegnet dem Berggeist zunächst mit Spott. Sein Sohn Karli ist trotzig und ungehorsam, bis Rübezahl persönlich erscheint und ihm ein Versprechen abringt, künftig brav zu sein und seine Schwestern nicht mehr zu ärgern. Die Familie zeigt Zusammenhalt – etwas, das Rübezahl ausdrücklich lobt.
Auf seinen Wegen durch das Tal hilft Rübezahl den Guten und straft die Bösen: Dem Fischersohn Paule verschafft er einen großen Fang, damit dieser seine kranke Mutter unterstützen kann. Einen Knecht, der sein Pferd misshandelt, spannt er kurzerhand selbst vor den Wagen, bis dieser Besserung gelobt. Geizige Verwandte, gierige Wirte, Diebe und Räuber bekommen auf teils humorvolle, teils drastische Weise ihre Lektion.
Am Ende erkennt auch der Glaser Steffen, dass Rübezahl real ist – und dass wahrer Reichtum nicht im Geld, sondern im familiären Zusammenhalt liegt. Rübezahl belohnt die Familie und zieht sich, zufrieden mit der neu gewonnenen Ehrfurcht der Menschen, wieder in sein Gebirge zurück.
Hintergrund & Produktion
Produziert wurde der Film von Schongerfilm. Für die Bauten und Ausstattung zeichneten Wolf Englert und Rudolf Remp verantwortlich, die Kostüme stammen von Ilse Dubois. In einer kleinen, aber bemerkenswerten Kinderrolle ist der spätere fünffache Motorrad-Weltmeister Toni Mang als Glaser-Sohn Karli zu sehen.
Besonders interessant ist der zeitgeschichtliche Kontext: Der Film war eine der ersten westdeutschen Produktionen, die nach dem Krieg wieder im Riesengebirge gedreht wurden – also nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus Schlesien. Für viele Vertriebene dürfte der Film wie ein filmischer Blick zurück in die alte Heimat gewirkt haben: Die ausgedehnten Landschaftsaufnahmen, die heutigen Zuschauern vielleicht etwas lang erscheinen, sind vor diesem Hintergrund eine bewusste Einladung zur Erinnerung.
Der Film lief auch unter den Schreibweisen Rübezahl, der Herr der Berge und Rübezahl, Herr der Berge. Am 3. Oktober 1957 wurde er unter der Nummer 15427 geprüft und ab sechs Jahren freigegeben („feiertagsfrei“). Die Uraufführung fand am 6. Oktober 1957 in den Planie-Lichtspielen in Stuttgart statt. Später erschien der Film auf DVD, unter anderem bei Studiocanal/Kinowelt und Icestorm.
Musik & Volkslieder
Musikalisch greift der Film auf schlesische Volkslieder zurück und verankert sich damit noch stärker in der regionalen Tradition. Im Vorspann erklingt die Melodie des Liedes „Und in dem Schneegebirge“, was atmosphärisch perfekt zum Schauplatz passt.
In der Schlussszene, beim Fest auf der Baude, singen die Figuren a cappella die 1. und 4. Strophe des alten schlesischen Volksliedes „Wenn wir sonntags in die Kirche geh’n“. Die Kinder des Glasers stimmen zudem das Lied „Schnitzer, strate, ja wenn mein Vater Schneider wär“ an. All das verleiht dem Film eine warme, volksliedhafte Note, die ihn klar im Märchen- und Heimatfilm-Kosmos der 50er-Jahre verortet.
Kritik & Rezeption
film-dienst bezeichnete den Film als unterhaltsame Adaption des alten Volksmärchens mit klar pädagogischer Ausrichtung für ein sehr junges Publikum. Die moralische Botschaft – gutes Verhalten wird belohnt, schlechtes Verhalten bestraft – ist unübersehbar und ganz im Geist der Zeit.
Kino.de hebt die spannenden Erlebnisse mit dem Berggeist Rübezahl hervor und betont, dass der Film neben seiner didaktischen Ebene vor allem durch die eindrucksvollen Landschafts- und Tieraufnahmen punktet.
Cinema fasst es knapp zusammen: „Viel Landschaft, schlesische Trachten und ein wenig Pädagogik.“ Genau das trifft den Kern: Märchen, Heimatgefühl und Erziehungsanspruch gehen hier Hand in Hand.
Mein Fazit
Für mich ist Rübezahl – der Herr der Berge ein typischer Märchenfilm seiner Zeit – und gerade deshalb reizvoll. Das alte Volksmärchen wird in eine 50er-Jahre-Fassung gegossen, die mit viel Landschaft, klarer Moral und einem gewissen pädagogischen Zeigefinger arbeitet, ohne dabei völlig trocken zu werden.
Persönlich hat der Stoff für mich eine besondere Note: Als Kind wurde mir dieses Märchen oft von meinem Vater vorgelesen, und ich fand es damals spannend, fast ein bisschen unheimlich. Der Film transportiert genau dieses Gefühl von „da oben im Gebirge wacht jemand über uns“ recht gut – auch wenn man heute natürlich merkt, wie stark er in seiner Entstehungszeit verankert ist.
Aus heutiger Sicht ist der Film handwerklich solide und atmosphärisch gelungen, wenn man sich auf das gemächliche Tempo und die moralische Klarheit einlässt. Ob er euch packt, hängt sicher auch davon ab, wie viel ihr mit Märchenfilmen der 50er-Jahre anfangen könnt – und ob ihr vielleicht selbst eine Verbindung zu Schlesien oder zum Rübezahl-Stoff habt.
Und jetzt seid ihr dran: Wie wirkt der Film auf euch? Nostalgisch, altbacken, charmant – oder vielleicht überraschend zeitlos? Schreibt mir eure Eindrücke in die Kommentare, besonders, wenn ihr ihn als Kind gesehen habt oder eine persönliche Geschichte mit Rübezahl verbindet.