Im Westen nichts Neues (2022) – Der Krieg, der nicht endet
„Im Westen nichts Neues“ ist ein Kriegsdrama von Edward Berger und die erste deutsche Verfilmung von Erich Maria Remarques berühmtem Antikriegsroman. Der Film feierte 2022 Premiere, lief kurz im Kino und wanderte dann zu Netflix – und wurde zum erfolgreichsten deutschen Oscar-Beitrag aller Zeiten.
Handlung – Der Kreislauf des Sterbens
Der Film beginnt mit einem Toten: Ein Soldat namens Heinrich fällt an der Westfront, seine Uniform wird ausgezogen, geflickt und zurück nach Deutschland geschickt, damit ein anderer sie tragen kann. „Der junge Soldat, der diese Uniformteile erhalten wird, heißt Paul Bäumer.“ Schon in dieser ersten Sequenz steckt das Programm des Films: Der Krieg frisst Menschen – und recycelt ihre Reste.
Paul Bäumer ist 17, als er sich 1917 mit seinen Freunden Albert, Ludwig und Franz freiwillig meldet. Patriotische Lehrerreden, falscher Stolz, gefälschte Unterschrift der Eltern – und schon sitzen die Jungen im Zug an die Westfront. In den Schützengräben von La Malmaison lernen sie schnell, wie wenig Parolen wert sind, wenn Granaten einschlagen.
Im Graben freundet sich Paul mit dem erfahreneren Stanislaus „Kat“ Katczinsky an, der ihm zeigt, wie man überlebt – oder es zumindest versucht. Doch der Krieg nimmt sich einen nach dem anderen: Ludwig fällt früh, Albert wird trotz Kapitulation von französischen Soldaten mit dem Flammenwerfer getötet, Tjaden nimmt sich im Lazarett das Leben. In einem Bombentrichter tötet Paul im Nahkampf einen französischen Soldaten mit mehreren Messerstichen – eine Tat, die ihn danach quält und die moralische Verwüstung des Krieges sichtbar macht.
Parallel dazu zeigt der Film die diplomatische Ebene: Matthias Erzberger verhandelt mit Marschall Foch über einen Waffenstillstand, während Teile der deutschen Generalität noch von „Ehre“ und „Durchhalten“ reden. „Da der fanatische General Friedrichs den Krieg unbedingt mit einer siegreichen Schlacht beenden möchte, befiehlt er noch am 11. November 1918, kurz vor Wirksamkeit der Waffenruhe um 11 Uhr, einen Angriff auf die französische Stellung, bei dem Paul Bäumer nur wenige Sekunden vor Eintreten des Waffenstillstands im Nahkampf mit einem Bajonett lebensgefährlich verletzt wird.“ Der Krieg endet – aber nicht für Paul.
Produktion – Eine deutsche Perspektive auf Remarque
Der Film basiert auf Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ von 1929, der von den Nazis 1933 als „verräterisch“ verboten und verbrannt wurde. Regisseur Edward Berger betont, dass er den Stoff bewusst aus einer deutschen Perspektive erzählen wollte: „Unser Blick auf den Krieg ist geprägt von Gram und Scham, von Verwüstung und Schuld. Da bleibt nichts Positives, kein Funken Heldenhaftigkeit zurück.“
Netflix stellte rund 20 Millionen US-Dollar zur Verfügung, produziert wurde beim Studio Amusement Park. Berger adaptierte den Roman gemeinsam mit Lesley Paterson und Ian Stokell und ergänzte ihn um eine zweite Erzählebene: die Waffenstillstandsverhandlungen um Matthias Erzberger. Damit unterscheidet sich der Film deutlich von früheren Adaptionen, die sich fast ausschließlich auf die Front konzentrierten.
Gedreht wurde überwiegend in Tschechien, wo ein gigantisches Schlachtfeld mit über 1.500 Metern Schützengräben auf rund 400.000 m² gebaut wurde. Kameramann James Friend, mit dem Berger bereits bei „Patrick Melrose“ und „Your Honor“ zusammengearbeitet hatte, erschafft Bilder, in denen „Erde, Schlamm und Körper zu einer einzigen Masse verschmelzen, die alle Farben ausbleicht, bis der Farbfilm fast schwarz-weiß erscheine.“
Die Kostüme von Lisy Christl wurden größtenteils eigens angefertigt – inklusive selbst gewebter Stoffe, Knöpfe und Stiefel –, in mehreren Abnutzungsstufen, um den seelischen Verschleiß der Figuren sichtbar zu machen. Für den Ton zeichneten unter anderem Lars Ginzel und Frank Kruse verantwortlich, die ein Sounddesign schufen, das „dem Zuschauer und Zuhörer kaum eine Ruhepause“ lässt. Die Filmmusik stammt von Volker Bertelmann (Hauschka), der auf dem restaurierten Harmonium seiner Großmutter spielte.
Themen und Motive – Der endlose Kreislauf des Krieges
Remarques Roman ist von eigenen Erlebnissen beeinflusst, aber alle Figuren sind fiktiv. Der Film übernimmt diese Typisierung und treibt sie weiter: Die jungen Männer sind austauschbar, gerade dadurch wird die Entmenschlichung des Krieges sichtbar. Szenen wie der Uniformkreislauf am Anfang und Pauls Tod kurz vor 11 Uhr am 11.11.1918 machen deutlich, dass der Krieg nicht einfach „aufhört“, sondern nur die Gesichter der Opfer wechselt.
Kritikerinnen und Kritiker betonen, dass der Film den „Preis an Menschenleben, aber auch an unsere kollektive Menschlichkeit“ zeigt. Eine Rezensentin schreibt, es gebe „kein Happy End, eigentlich überhaupt kein Ende, weil beim Tod des einen Soldaten immer ein anderer Soldat an seine Stelle tritt, um den Zyklus fortzusetzen.“ Gleichzeitig verweist der Film auf die Folgen des Waffenstillstands – ein instabiles Deutschland, das den Boden für den Aufstieg der NSDAP bereitet.
Berger selbst verknüpft den Stoff mit aktuellen politischen Entwicklungen: Er spricht von einer „gefährlichen Stimmung von Nationalismus“, vom Zerfall der EU, von Trump, Brexit und rechtsextremen Parteien. Der Film will zeigen, „wohin eine solch aufgeladene nationalistische Stimmung und Sprache schnell führen kann“ – und macht Remarques Antikriegserzählung damit schmerzhaft aktuell.
Bild, Ton und Atmosphäre – Krieg als apokalyptisches Szenario
Anke Sterneborg beschreibt, Berger übertrage „die Erfahrung des Kriegs direkt auf den Zuschauer“, wenn er ihn die „klamme Kälte, den nagenden Hunger, die Angst und das Grauen“ spüren lasse. Die Kamera von James Friend zeigt ein apokalyptisches Weltuntergangsszenario, in dem Schlamm, Blut und Rauch zu einer fast monochromen Hölle verschmelzen. Eine dpa-Kritik betont, die Schlachtszenen stünden denen aus „1917“ in nichts nach.
Auf der Tonebene arbeitet der Film mit einem bewusst überfordernden Sounddesign. Eine wiederkehrende, basslastige Melodie erzeugt eine „gruselige vorahnende Angststimmung“, wie die Deutsche Film- und Medienbewertung schreibt. Produzent Malte Grunert nennt das Sounddesign „eine bewusste Zumutung“, die dem Publikum kaum Verschnaufpausen lässt – passend zu einem Film, der Krieg nicht als Spektakel, sondern als Dauerzustand des Schreckens zeigt.
Rezeption – Zwischen Begeisterung und scharfer Kritik
International wurde „Im Westen nichts Neues“ überwiegend positiv aufgenommen: Bei Rotten Tomatoes kamen rund 90 % der Kritiken auf ein positives Urteil, der Metascore liegt im soliden 70er-Bereich. In Deutschland fielen einige Reaktionen deutlich kritischer aus. Die Süddeutsche Zeitung schrieb: „Kein Buch ist so gut, dass man daraus nicht einen schlechten Film machen könnte“ und bemängelte, dass der Film mit der Romanvorlage nur noch lose verwandt sei.
Der Militärhistoriker Sönke Neitzel bezeichnete den Film als „fehlerhaft, klischeebeladen und wenig authentisch“ und kritisierte unter anderem die Darstellung der Generalität und historisch fragwürdige Details wie die Zusammensetzung französischer Truppen. Dem gegenüber stehen Stimmen, die den Film als „besonders immersives Filmerlebnis“ loben, das den Ersten Weltkrieg als „einzige Knochenmühle“ zeigt, die nur verbrannte Erde hinterlässt.
Die Deutsche Film- und Medienbewertung verlieh dem Film das Prädikat „besonders wertvoll“ und hob das präzise Bildkonzept und die starke Leistung der Nachwuchsdarsteller hervor: „Die Aufnahmen von Friend seien so präzise und exakt komponiert, dass sie fast schön wirkten inmitten all dieser Grausamkeit.“ Besonders Felix Kammerer als Paul Bäumer wird als Entdeckung gefeiert.
Auszeichnungen und Erfolge – Ein deutscher Oscar-Rekord
„Im Westen nichts Neues“ ist der bisher erfolgreichste deutsche Beitrag bei den Oscars. „Für die Oscarverleihung 2023 wurde Im Westen nichts Neues in neun Kategorien nominiert, darunter auch als bester Film (zum ersten Mal überhaupt wurde ein deutscher Film für diese Kategorie nominiert). Ausgezeichnet wurde das Kriegsdrama schließlich mit vier Oscars in den Kategorien bester internationaler Film, beste Kamera, beste Filmmusik und bestes Szenenbild.“ Damit reiht sich der Film in eine kleine Gruppe nicht-englischsprachiger Werke ein, die vier Oscars gewinnen konnten.
Bei den British Academy Film Awards 2023 gewann der Film sieben Preise, unter anderem als Bester Film und für die Beste Regie – ein Rekord für einen nicht-englischsprachigen Film. Beim Deutschen Filmpreis erhielt er zwölf Nominierungen und gewann neun Lolas. In der IndieWire Critics Poll 2022 landete er unter den internationalen Filmen auf Platz vier.
Spannend: Trotz dieses Erfolgs wurde der Film ohne Mittel der deutschen Filmförderung produziert. Sein Triumph löste eine Diskussion über das deutsche Filmfördersystem aus – ein seltenes Beispiel dafür, wie ein Antikriegsfilm nicht nur Geschichte erzählt, sondern selbst Filmgeschichte schreibt.
Einsatz im Unterricht – Antikriegskino für die Oberstufe
Das Onlineportal kinofenster.de ernannte „Im Westen nichts Neues“ zum Film des Monats November 2022 und empfiehlt ihn ab der 11. Klasse für Deutsch, Ethik, Geschichte, Politik und Kunst. Der Film wirke „geradezu bereinigt von jeglichen Zeitumständen, mit denen sich ein jugendliches Publikum heute nicht mehr identifizieren kann“, heißt es dort – und sei dennoch ein entschiedener Antikriegsfilm, der Remarques Anklage von Nationalismus, Militarismus und Krieg beeindruckend umsetze.
Für den Unterricht bietet sich eine Kombination aus Romanlektüre und Filmvergleich an: Figurenzeichnung, weggelassene Heimaturlaub-Szenen, hinzugefügte Erzberger-Ebene, Visualisierung des Krieges, Sounddesign und die Frage, wie sich die Botschaft des Romans in eine heutige Bildsprache übersetzen lässt. Gerade die Verbindung zu aktuellen Konflikten und nationalistischen Tendenzen macht den Film zu einem starken Diskussionsanstoß.
Persönliche Notiz – Warum dieser Film hängen bleibt
„Im Westen nichts Neues“ ist kein Film, den man „mal eben“ schaut. Er ist laut, schmutzig, körperlich – und gleichzeitig erstaunlich kontrolliert in seiner Bildsprache. Für mich funktioniert er am stärksten dort, wo er nicht erklärt, sondern einfach zeigt: den Schlamm, die Müdigkeit in den Gesichtern, das mechanische Weiterlaufen in sinnlosen Angriffen.
Ob man jede historische Entscheidung und jede Abweichung vom Roman gutheißt, ist eine andere Frage. Aber als Antikriegsfilm im Jahr 2022/23 trifft Bergers Version einen Nerv: Sie erinnert daran, dass Krieg nie abstrakt ist, sondern immer Körper, Gesichter, Namen hat – und dass hinter jeder „Frontlinie“ ein Mensch steht, der genauso hätte leben wollen wie wir.