Das Leben von Astrid Lindgren – der Film ASTRID (2018)
Wer mit Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga oder den Kindern aus Bullerbü aufgewachsen ist, kennt die warmherzige, rebellische Welt von Astrid Lindgren . Der dänisch-schwedische Kinofilm Astrid (2018) blickt zurück auf die jungen Jahre der später weltberühmten Kinderbuchautorin – auf eine Zeit, in der sie noch nicht die Ikone der Kinderliteratur war, sondern eine junge Frau, die gegen Konventionen, Moralvorstellungen und ihr eigenes Schicksal ankämpfen musste.
Handlung
Stockholm, viele Jahre später: Eine alte Dame sitzt an einem Schreibtisch, der über und über mit Briefen bedeckt ist – Dankesbriefe von Kindern aus aller Welt. Es ist Astrid Lindgren, die an ihrem Geburtstag Post von ihren Leserinnen und Lesern bekommt. Von hier aus springt der Film zurück in die 1920er-Jahre.
Astrid wird als Astrid Ericsson in der südschwedischen Provinz Småland geboren. Sie wächst auf einem Bauernhof auf, den ihre Eltern auf kirchlichem Land bewirtschaften. Die Gemeinde ist streng religiös, der Kirchgang Pflicht. Doch schon im Gottesdienst schweift Astrids Fantasie ab – bei der Predigt über Sodom und Gomorrha denkt sie lieber an Limonade als an Verdammnis. Diese innere Freiheit ist der Keim ihrer späteren Geschichten.
Ihre Eltern Samuel und Hanna lieben ihre vier Kinder, doch die Erziehung ist von strenger Frömmigkeit geprägt. Ein kleiner Bruch mit der Tradition: Samuel erlaubt Astrid ein Praktikum bei der lokalen Zeitung. Dort begegnet sie dem Chefredakteur Reinhold Blomberg, einem deutlich älteren, verheirateten Mann mit mehreren Kindern, dessen Ehe vor dem Aus steht. Zwischen dem charismatischen Blomberg und der begabten Praktikantin entsteht eine Beziehung – mit weitreichenden Folgen.
Astrid wird ungewollt schwanger. In der engen, religiösen Dorfgemeinschaft ist das ein Skandal. Sie muss ihr Zuhause verlassen, bringt ihren Sohn zur Welt und kann ihn zunächst kaum sehen. Die Trennung von ihrem Kind, die Schuldgefühle und der gesellschaftliche Druck prägen sie tief. Der Film zeigt, wie aus dieser Verletzlichkeit und inneren Stärke jene Frau wird, die später Figuren wie Pippi Langstrumpf erschafft – Kinder, die sich nicht beugen, sondern ihre eigene Wahrheit leben.
Hintergrund
Astrid ist eine freie Interpretation der jungen Jahre Astrid Lindgrens und spielt hauptsächlich im Zeitraum von 1925 bis 1930. Der Film erhebt keinen Anspruch auf vollständige biografische Genauigkeit, sondern konzentriert sich auf emotionale Wahrheiten: die Enge des Landlebens, die Macht der Kirche, die Scham einer unehelichen Schwangerschaft – und den Mut, sich dennoch ein eigenes Leben zu erkämpfen.
Wer tiefer in das reale Leben der Autorin eintauchen möchte, findet in der Biografie auf Wikipedia viele Details zu ihrer Kindheit, ihrer Arbeit, ihrem politischen und sozialen Engagement: Astrid Lindgren – Leben .
Besetzung und Synchronisation
- Astrid Ericsson / Astrid Lindgren: Alba August
- Marie: Trine Dyrholm
- Samuel (Astrids Vater): Magnus Krepper
- Hanna (Astrids Mutter): Maria Bonnevie
- Reinhold Blomberg: Henrik Rafaelsen
- Sture Lindgren: Björn Gustafsson
- Lasse: Marius Damslev
Die deutsche Synchronfassung transportiert die emotionale Wucht der Originaldarsteller sehr respektvoll, bleibt aber immer nah an der ruhigen, nordischen Tonalität des Films.
Rezeption
Astrid wurde von vielen Kritikerinnen und Kritikern als sensibles, zurückhaltend inszeniertes Biopic gelobt, das nicht auf große Skandale setzt, sondern auf leise, aber eindringliche Momente. Besonders hervorgehoben wurde die Darstellung von Alba August, die Astrid als neugierige, humorvolle, aber auch verletzliche junge Frau zeigt – weit entfernt von der späteren Ikone, und gerade deshalb so menschlich.
Der Film kam am 6. Dezember 2018 in die deutschen Kinos und fand vor allem bei Zuschauerinnen und Zuschauern Anklang, die mit Lindgrens Büchern aufgewachsen sind und nun die Person hinter den Geschichten kennenlernen wollten.
Kritiken
Viele Besprechungen betonen, wie mutig es ist, die „heilige“ Astrid Lindgren nicht zu verklären, sondern ihre Brüche zu zeigen: die verbotene Liebe, die Schwangerschaft, die Trennung von ihrem Kind. Der Film verzichtet auf melodramatische Überzeichnung und bleibt stattdessen nah an Astrids innerem Erleben – in Blicken, Gesten und stillen Momenten.
Kritisch angemerkt wurde gelegentlich, dass der Film sich stark auf diesen einen Lebensabschnitt konzentriert und spätere Stationen – etwa den literarischen Durchbruch – nur streift. Wer aber genau diese „Vorgeschichte“ verstehen will, bekommt ein sehr intensives, emotional glaubwürdiges Porträt.
Auszeichnungen
Astrid Lindgren selbst wurde im Laufe ihres Lebens mit zahlreichen Preisen geehrt – für ihr literarisches Werk, aber auch für ihr gesellschaftliches Engagement, etwa in Fragen des Tierschutzes und der Kinderrechte. Eine Auswahl ihrer Auszeichnungen findet sich hier: Astrid Lindgren – Auszeichnungen (Auswahl) .
Der Film Astrid knüpft indirekt daran an, indem er zeigt, woher diese Haltung kommt: aus einem Leben, das früh gelernt hat, Ungerechtigkeit zu erkennen – und ihr etwas entgegenzusetzen.
Film
Anmerkung & Fazit
Wer kennt nicht Pippi Langstrumpf? Aber wer sich mit Astrid Lindgren selbst beschäftigt, merkt schnell: Hinter den frechen, starken Kinderfiguren steht eine Frau, die selbst kämpfen musste – gegen starre Moral, gegen gesellschaftliche Erwartungen und gegen den Schmerz, ihr eigenes Kind nicht bei sich haben zu können.
Astrid ist kein lautes Biopic, sondern ein stilles, berührendes Drama, das auf Tatsachen beruht und doch filmisch verdichtet. Für mich als Filmfan und Astrid-Lindgren-Fan ist der Film wie ein Blick hinter den Vorhang: Man versteht besser, warum ihre Geschichten so viel Trost, Freiheit und Gerechtigkeitssinn in sich tragen.
Wer ihre Bücher liebt, sollte diesem Film eine Chance geben – nicht als „Bonusmaterial“, sondern als eigenständige, sehr menschliche Geschichte über eine junge Frau, die erst stolpert, dann wächst und schließlich zu einer der wichtigsten Kinderbuchautorinnen der Welt wird.