Der Fälscher von London (1961)
Land: BRD · Regie: Harald Reinl · Vorlage: Edgar Wallace – „Der Banknotenfälscher“
Laufzeit: 94 Minuten · Format: Schwarzweiß · IMDb-Bewertung: 6,1/10
Anfang
„Der Fälscher von London“ gehört zur legendären Edgar-Wallace-Reihe der Rialto Film und markiert 1961 bereits den achten Beitrag. Wir sind mitten in der Hochphase der deutschen Schwarzweiß-Krimis: neblige Herrenhäuser, verschlungene Gärten, ein Hauch Gothic-Horror – und dazu Martin Böttchers Musik, die sofort dieses ganz eigene Wallace-Gefühl auslöst. Schon die ersten Minuten mit Pferderennen, falschen Banknoten und mysteriösen Andeutungen setzen den Ton: Hier geht es weniger um Action, sondern um Atmosphäre, Schuld und Identität.
Handlung
Der junge Millionenerbe Peter Clifton (Hellmut Lange) heiratet Jane Leith (Karin Dor) und zieht mit ihr auf das alte Familiensitz Longford Manor. Eigentlich sollen es romantische Flitterwochen werden, doch das Anwesen trägt schwer an der Vergangenheit: Peters Vater war geisteskrank, und die Angst, selbst „nicht ganz zurechnungsfähig“ zu sein, sitzt tief in ihm.
Jane entdeckt in einer geheimen Kammer eine Druckerpresse – und beobachtet ihren Mann nachts bei der Arbeit daran. Sofort drängt sich der Verdacht auf: Ist Peter der berüchtigte „Fälscher von London“, der seit geraumer Zeit falsche 5-Pfund-Noten in Umlauf bringt? Die Situation eskaliert, als Janes ehemaliger Verehrer Basil Hale (Robert Graf) Peter mit Andeutungen über seine Vergangenheit provoziert. Nach einem heftigen Streit wird Hale am nächsten Tag erschlagen im Park gefunden.
Peter liegt bewusstlos in der Nähe der Leiche, kann sich an nichts erinnern und fürchtet, in einem Anfall von Bewusstseinsspaltung zum Mörder geworden zu sein. Jane versucht, Spuren zu verwischen, während Inspektor Rouper Peter schnell als Täter abgestempelt sieht. Doch Oberinspektor Bourke (Siegfried Lowitz) zweifelt an der offensichtlichen Lösung und beginnt, tiefer zu graben – in der Familiengeschichte, in den Intrigen rund um Longford Manor und in den Motiven von Peters Umfeld. Weitere Verbrechen folgen, und erst am Ende entwirrt Bourke das Geflecht aus Fälschung, Erbschaft und manipuliertem Wahnsinn.
Entstehungsgeschichte
Der Film basiert auf dem Roman „The Forger“ / „Der Banknotenfälscher“ von Edgar Wallace und wurde von Rialto Film produziert. Regie führte Harald Reinl, einer der prägenden Regisseure der Wallace-Reihe. Gedreht wurde vom 2. Mai bis 6. Juni 1961, unter anderem in Hamburg und auf Schloss Herdringen im Sauerland, das hier als Longford Manor dient. Ergänzt werden die Studio- und Schlossaufnahmen durch Originalbilder vom Pferderennen in Ascot, was dem Film einen Hauch „echtes“ britisches Flair verleiht – trotz der komplett deutschen Produktion.
Mit Karin Dor, Hellmut Lange und Siegfried Lowitz ist der Film stark besetzt; dazu kommen typische Wallace-Gesichter wie Eddi Arent, der mit seiner skurrilen Nachbarfigur für die humorigen Zwischentöne sorgt. Musikalisch liefert Martin Böttcher einen Score, der zwischen romantischer Melancholie und unheimlicher Spannung pendelt und die psychologische Note der Geschichte unterstreicht.
Besonderheit
Im Vergleich zu anderen Wallace-Filmen steht hier weniger der „bunte“ Serienkiller oder eine spektakuläre Verbrecherfigur im Vordergrund, sondern ein psychologisches Motiv: die Angst vor geerbtem Wahnsinn und Persönlichkeitsspaltung. Peter Clifton ist kein klassischer Held, sondern ein Mann, der sich selbst misstraut. Diese innere Zerrissenheit gibt dem Film eine fast gothic-melodramatische Note.
Außerdem ist der titelgebende Fälscher zunächst eher eine Hintergrundbedrohung – das Fälschen von Banknoten wirkt fast „unfilmisch“ im Vergleich zu Mord und Entführung. Erst mit dem ersten Toten kippt der Film in den vertrauten Krimi-Modus. Die Mischung aus Kriminalfall, Erbschaftsdrama, Spukhaus-Atmosphäre und psychologischem Thriller macht „Der Fälscher von London“ innerhalb der Reihe zu einem leicht schrägen, aber interessanten Sonderling.
Kritiken
Zeitgenössische und spätere Kritiken sehen den Film oft als soliden, aber nicht herausragenden Wallace-Beitrag. Positiv hervorgehoben werden die stimmungsvolle Schwarzweiß-Fotografie von Karl Löb, das Setting auf dem Schloss und die routinierte Inszenierung Reinls. Die Spannung entsteht weniger aus Action, sondern aus der Frage: Ist Peter Täter oder Opfer seiner eigenen Psyche?
Kritischer gesehen wird gelegentlich die Konstruktion der Handlung: Die Fälscher-Story wirkt für manche etwas dünn, die Auflösung recht klassisch und die psychologische Ebene eher melodramatisch als tiefgründig. Trotzdem bleibt „Der Fälscher von London“ für viele Fans ein atmosphärischer Mittelklasse-Wallace – kein Top-Titel, aber weit entfernt von den schwächeren Ausläufern der Reihe.
Fazit / Persönliche Note
Für mich ist „Der Fälscher von London“ so etwas wie ein gemütlicher Herbst-Wallace: kein brachialer Publikumsmagnet, aber ein Film, den man gerne spätabends mit gedimmtem Licht schaut. Das Zusammenspiel aus Schlosskulisse, Nebel, Böttcher-Musik und Karin Dor als verunsicherter, aber entschlossener Ehefrau trifft genau diesen nostalgischen Nerv, den nur die 60er-Jahre-Wallace-Filme haben.
Die IMDb-Bewertung von 6,1/10 wirkt auf den ersten Blick nüchtern, aber sie passt: Der Film ist kein Meisterwerk, sondern ein solider, atmosphärischer Krimi mit ein paar schönen Spitzen. Wer die Reihe liebt, bekommt hier vertraute Gesichter, ein klassisches „Wer-war-es?“-Rätsel und eine leicht morbide Familiengeschichte. Wer neu in die Wallace-Welt einsteigt, sollte vielleicht mit einem der ganz großen Titel beginnen – aber „Der Fälscher von London“ ist ein wunderbarer Kandidat für den Moment, in dem man tiefer in die Reihe eintauchen will.