Das Ungeheuer von London‑City (1964)
Regie: Edwin Zbonek · Produktion: CCC-Filmkunst · Format: Schwarzweiß · IMDb‑Bewertung: 5,9/10
Anfang
„Das Ungeheuer von London‑City“ gehört zu den düstereren Beiträgen der deutschen Krimi‑Welle der 60er Jahre. Der Film spielt geschickt mit dem Mythos von Jack the Ripper, der hier als Bühnenfigur wiederaufersteht – während in London plötzlich echte Morde geschehen, die der Theaterdarstellung unheimlich ähneln. Schon die ersten Minuten erzeugen eine Atmosphäre aus Nebel, Angst und voyeuristischem Schauder: Theater und Realität verschwimmen, und der Zuschauer weiß nie so recht, ob er einem Krimi oder einem psychologischen Horrorstück beiwohnt.
Handlung
In einem Londoner Theater wird ein Stück über Jack the Ripper aufgeführt. Der Schauspieler Richard Sand verkörpert den Ripper so überzeugend, dass das Publikum gleichermaßen fasziniert wie verstört ist. Doch bald geschieht ein Mord – und die Handschrift erinnert fatal an die Bühnenfigur.
Scotland Yard beginnt zu ermitteln. Inspektor Dorne und seine Kollegen stehen vor einem Rätsel: Ist der Täter ein Nachahmer? Ein Wahnsinniger? Oder steckt der Schauspieler selbst hinter den Verbrechen? Während die Mordserie weitergeht, geraten Sand, seine Frau und das gesamte Theaterensemble unter Druck.
Die Grenzen zwischen Rolle und Realität verschwimmen immer stärker, und der Film spielt bewusst mit der Frage, wie weit ein Mensch in eine Figur hineingleiten kann – und ob Kunst manchmal dunklere Kräfte freisetzt, als man ahnt.
Besetzung
- Hansjörg Felmy – Richard Sand
- Marianne Koch – Julia Sand
- Dieter Borsche – Dr. Morell
- Wolfgang Preiss – Inspektor Dorne
- Harry Riebauer – Sergeant
- Friedrich Joloff – Theaterdirektor
- Hans Nielsen – Sir George
- Ingrid van Bergen – Mary
Filmmusik
Die Musik stammt von Peter Thomas, der dem Film eine Mischung aus unheimlichen Klangflächen, jazzigen Momenten und dramatischen Akzenten verleiht. Besonders markant ist das Thema, das immer dann erklingt, wenn die Ripper‑Figur ins Spiel kommt – ein Sound, der perfekt zwischen Krimi und Horror balanciert und die psychologische Spannung verstärkt.
Rezeption
Der Film wird heute als ungewöhnlicher Beitrag der deutschen Krimi‑Ära gesehen. Er steht zwischen den klassischen Edgar‑Wallace‑Filmen und den späteren, härteren Krimis der 70er. Besonders gelobt werden:
- die düstere, fast schon expressionistische Atmosphäre,
- die starke Hauptrolle von Hansjörg Felmy,
- die raffinierte Vermischung von Theater und Realität,
- die psychologische Komponente, die über den üblichen Whodunit hinausgeht.
Kritiken
Kritiker loben die ungewöhnliche Struktur des Films und seine Nähe zum Horror‑Genre. Die Inszenierung sei stellenweise mutiger als viele zeitgenössische Krimis, auch wenn die Handlung gelegentlich etwas konstruiert wirkt.
Die IMDb‑Bewertung von 5,9/10 zeigt, dass der Film ein Geheimtipp für Fans des deutschen Schwarzweiß‑Krimis ist – atmosphärisch, eigenwillig und mit einem Hauch Wahnsinn.
Fazit / Persönliche Note
Für mich ist „Das Ungeheuer von London‑City“ einer der spannendsten Außenseiter der deutschen Krimi‑Welle. Der Film wirkt wie ein Hybrid aus Wallace‑Krimi, Theaterthriller und frühem Psycho‑Horror. Hansjörg Felmy trägt den Film mit einer Intensität, die man selten in deutschen Produktionen dieser Zeit sieht.
Wer düstere London‑Atmosphäre, Theaterkulissen und psychologische Spannung liebt, bekommt hier ein echtes kleines Juwel. Kein Film für nebenbei – aber einer, der sich tief in die Erinnerung brennt.