Der Hexer (1964)
Mit „Der Hexer“ kehrt einer der berühmtesten Rächer aus dem Edgar-Wallace-Universum auf die Leinwand zurück – inszeniert von Alfred Vohrer, in edlem Schwarzweiß, mit der gewohnten Mischung aus London-Nebel, Krimi-Rätsel und augenzwinkerndem Humor. Für mich ist der Film so etwas wie ein Kernstück der Rialto-Wallace-Ära: nicht der spektakulärste Beitrag, aber einer der typischsten.
Handlung
Gwenda Milton, Sekretärin des zwielichtigen Rechtsanwalts Maurice Messer, wird tot aus der Themse gezogen. Zunächst sieht alles nach einem Unfall aus, doch die Obduktion zeigt: Sie wurde erwürgt und erst danach ins Wasser geworfen. Brisant wird der Fall, als klar wird, dass Gwenda die Schwester von Henry Arthur Milton ist – jenem berüchtigten Rächer, den man nur als „den Hexer“ kennt und der einst Verbrecher in den Tod trieb.
Inspector Bryan Edgar Higgins von Scotland Yard ist sicher, dass der Hexer nach London zurückkehren wird, um den Mord an seiner Schwester zu rächen. Gleichzeitig tauchen Gwendas Schwägerin Cora Ann Milton und ein geheimnisvoller Australier namens James W. Wesby in der Stadt auf. Da der Hexer ein Meister der Verkleidung ist, könnte praktisch jeder von ihnen – oder jemand ganz anderes – hinter der Maske stecken. Unterstützt vom pensionierten Inspector Warren, der den Hexer als Einziger je ohne Maske gesehen haben soll, versucht Higgins, den Mädchenhändlerring um Messer zu sprengen und den Hexer zu stoppen, bevor dieser seine ganz eigene Form der Gerechtigkeit vollstreckt.
Hintergrund und Entstehung
„Der Hexer“ basiert auf dem gleichnamigen Roman „The Ringer“ von Edgar Wallace und ist der 20. deutschsprachige Wallace-Film der Nachkriegszeit. Produziert wurde er von Rialto Film unter Horst Wendlandt, die Regie übernahm Alfred Vohrer, der den typischen Wallace-Look mit starken Kontrasten, markanten Close-ups und pointiertem Humor prägt.
Gedreht wurde 1964 in West-Berlin und am Flughafen Hamburg. Die Besetzung liest sich wie ein „Who’s who“ der Wallace-Reihe: Joachim Fuchsberger als Inspector Higgins, Heinz Drache als James W. Wesby, Margot Trooger als Cora Ann Milton, Siegfried Schürenberg als Sir John und Eddi Arent als komödiantische Nebenfigur Archibald Finch. Die Musik von Peter Thomas setzt dazu die passende, leicht jazzige Krimi-Atmosphäre. 1965 folgte mit „Neues vom Hexer“ eine direkte Fortsetzung – eine Seltenheit innerhalb der Reihe.
Auszeichnungen
Der Film war an den Kinokassen sehr erfolgreich und erhielt für seine Besucherzahlen die Goldene Leinwand, eine Auszeichnung für besonders publikumsstarke Produktionen im deutschen Kino der 1960er Jahre. Für viele Fans markiert „Der Hexer“ damit einen Höhepunkt der Wallace-Welle, auch wenn andere Beiträge der Reihe teils noch höhere Einspielergebnisse erzielten.
Kritiken
Kritisch wird „Der Hexer“ oft als einer der prägenden, aber nicht unbedingt besten Wallace-Filme eingeordnet. Positiv hervorgehoben werden die dichte Krimi-Atmosphäre, das Spiel mit Identitäten und Verkleidungen sowie das reizvolle Dreieck aus Polizei, Verbrechersyndikat und dem moralisch ambivalenten Rächer. Die Inszenierung bleibt flott, die Dialoge sind pointiert, und das Zusammenspiel von Fuchsberger und Drache hat bis heute Charme.
Auf der anderen Seite bemängeln einige neuere Rezensionen, dass der Film – selbst für 60er-Jahre-Verhältnisse – spürbar chauvinistische und sexistische Momente enthält und insgesamt eher als solider Mittelklasse-Beitrag der Reihe durchgeht. Der große Grusel bleibt aus, der Fokus liegt klar auf Krimi und Rätselraten: Wer ist der Hexer, und wie weit darf Selbstjustiz gehen?
Video
IMDb-Bewertung & persönliche Note
Auf IMDb kommt „Der Hexer“ aktuell auf eine Bewertung von 6,6 / 10.
Aus Filmfan-Sicht würde ich ähnlich einordnen: kein makelloses Meisterwerk, aber ein extrem typischer Edgar-Wallace-Krimi, der genau das liefert, was man von dieser Ära erwartet – Nebelschwaden, falsche Fährten, ein überlebensgroßer Rächer und ein London, das es so nur im deutschen Studio-Krimi gibt. Für mich ein Pflichtprogramm für Wallace-Fans und ein sehr guter Einstiegspunkt für alle, die in die Reihe hineinschnuppern wollen.
Fazit: Stilprägender Wallace-Klassiker mit ikonischer Figur, starker Besetzung und kleinen Altersfalten – aber genau diese Patina macht den Reiz aus.